Zwischen Tod und Gedanken

Es ist schon länger her, dass ich einen Tagebucheintrag schrieb. Überhaupt hatte ich die letzten Wochen und – ich glaube sogar -Monate auch privat keinen Tagebuchtext mehr verfasst. Irgendwie hatte ich die Lust und das Interesse daran verloren. Mir war nicht mehr danach, alle meine Gedanken und die Geschehnisse in Textdateien zu schreiben und diese zu archivieren, in der Hoffnung, dass es irgendwann nach meinem Tod jemanden gäbe, der sich dafür interessiert. Doch jetzt, Heute, habe ich das Bedürfnis. …

Wir schreiben das Jahr 2019 im Oktober. Vor etwas über einer Woche ist mein Vater verstorben. Soweit wie ich es glaube zu wissen, starb er allein in einem Altenheim in meiner Stadt, an Gelbsucht. Er soll bereits seit über einem Jahr in dem Altenheim zugebracht haben, wie mir mein Onkel (der jüngste Bruder meines Vaters) vor einigen Tage mitteilte. Auch einen Herzinfarkt soll er gehabt haben. Ich wusste zunächst nicht was ich dazu sagen sollte. Mein Onkel hatte mir bei meinem Einzug in meine Wohnung geholfen, ihn seitdem aber nicht mehr gesehen. Das ist nun über 4 Jahre her. Nun stand er plötzlich und unvermittelt vor meiner Tür und fragte mich zunächst im Plauderton wo meine Mutter wohnen würde. Ich versuchte es ihm zu erklären, wir standen auf dem Balkon, von wo aus man zumindest einen Weg erkennen kann, bei dem eine schmale Brücke zu der Straße führt, die zu ihrem Mehrparteien-Hochhaus der Diakonis führt. Eine Art Heim für alte Leute, die aber noch selbstständig genug sind, sich selbst zu versorgen und nur Besuch vom Pflegepersonal bekommen, die sich um einige wenige Dinge kümmern, aber längst nicht um alles.

Wir standen jedenfalls da und ich versuchte meinem Onkel noch den genauen Weg zu erklären und sagte zum x-ten mal, dass er das Hochhaus nicht verfehlen könne, als er im normalen Plauderton random dazwischen fragte: „Wusstest du eigentlich dass dein Vater tot ist?“. … Darauf konnte ich zunächst nichts sagen. Woher sollte ich das auch wissen? Ich hatte schon seit ewigen Zeiten keinen Kontakt mehr zu ihm. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt dass er auf seinem Gelände lebt, dort in seiner selbstgebastelten Hütte, hier und da vielleicht noch einen Auftrag annimmt, um sich finanziell über Wasser zu halten. Er war seit ich ihn kenne selbstständiger Land- und Forstwirt und schon immer Selbstversorger. Vielleicht zuletzt etwas kränklich, hatte aufgehört mit rauchen und versuchte sich gesünder zu ernähren, aß mehr Obst und trank zuletzt nur noch gekauftes Wasser aus den Supermärkten. Soviel hatte ich dann noch am Rande mitbekommen, als ich das letzte mal vor Jahren bei ihm war.

Doch nun von meinem Onkel all diese Informationen zu erhalten, das war zu viel. Sicher, mein Vater und ich standen uns nie nahe. Er hatte in mir einen Nachfolger gesehen, dem er alles beibringen könnte, was ich bräuchte, um seinen Betrieb eines Tages zu übernehmen, und vielleicht auch sein Gelände, auf dem sich Schulden und Schuldzinsen seit Jahrzehnten anhäuften. Doch als er mitbekam dass ich nicht gesund zur Welt gekommen war, hatte er an mir das Interesse verloren. So zumindest habe ich es seit vielen Jahren; eigentlich seit ich 8 Jahre alt war und meine Eltern sich hatten scheiden lassen, von meiner Mutter gehört und am Rande auch am Verhalten meines Vaters mir gegenüber bemerkt. Doch nun war er tot. …

Meine Mutter, mit der ich am Tag darauf am Morgen ein Telefonat führte – so wie jeden zweiten Tag, wie wir es abgemacht hatten – reagierte so wie ich es mir gedacht hatte: völlig teilnahmslos. Gut, sie und mein Vater haben sich im Grunde nie wirklich gemocht. Mein Vater ist mit anderen Frauen fremd gegangen und sie fühlte sich ausgenutzt, von ihm betrogen und ausgenommen. Sie hatten sich am Ende beide nicht mehr viel zu sagen und irgendwann – ich war Alters-technisch längst erwachsen – brach der Kontakt der beiden zueinander völlig ab. Ich für meinen Teil durfte zu ihm, das verbot mir meine Mutter nie. Sie wollte mir nicht vorschreiben dass ich ihn nicht mehr zu kennen hatte. Doch nun schien sie regelrecht erleichtert, dass er tot war. Und selbst jetzt hatte sie kein gutes Wort für ihn übrig. Man sagt ja, man solle den Toten nichts schlechtes nachsagen. Sie hielt sich nicht daran.

Ganz im Gegenteil, versuchte sie nun mich mit ihren „Beispielen“ und all den Schlechtigkeiten die sie über ihn aufzählte auf ihre Seite zu ziehen und mich zu manipulieren. Mir klar zu machen, dass mein Vater es nicht verdient hätte, dass man ihm nachtrauert. Sie gab mir sogar unmissverständlich zu verstehen dass meine Trauer nicht echt sei, indem sie mich genau das fragte und zweifelte meine Gefühle an. Gerade so als wolle sie nicht dass ich um meinen Erzeuger trauere. Ja, er hatte sie betrogen, missbraucht und dann fallen lassen. Ja, er war kein besonders guter Mensch. Auch er hatte psychische Probleme, bedingt durch seine Familie, bedingt durch sein Umfeld. Aus einem Verhältnis psychisch kranker Eltern kann kein gesundes Kind erwachsen! Dennoch, er war mein Vater. Und er hat meines Erachtens nach zumindest verdient dass man nicht gerade eine Party feiert und sich über seinen Tod freut. Sondern von ihm Abschied nimmt.

Der Auslöser für diesen Tagebucheintrag allerdings war nicht der Besuch von meinem Onkel neulich und auch nicht das Telefonat mit meiner Mutter, sondern das Heutige Telefonat mit ihr. Sie hatte mir brühwarm berichten müssen, dass sie gestern lange mit ihrer Freundin und unserer ehemaligen Nachbarin von früher telefoniert hatte. Das Problem mit meiner Mutter ist ja, dass, so stark und selbstbewusst sie auch tut, sie lässt sich allzu leicht von Bekannten und deren Meinung beeinflussen, wenn diese nur oft genug betonen dass sie von allem Ahnung haben. So auch bei unserer ehemaligen Nachbarin. Das aber nur am Rande. Jedenfalls, …

Meine Mutter versuchte mir nun mit Nachdruck einzuimpfen dass ich auf keinen Fall an dieser Beerdigung im Nachbardorf teilnehmen sollte, weil sonst die Behörden (ich beziehe Grundsicherung a.k.a. Sozialhilfe) mich wegen des Erbes (das Grundstück meines Vaters, auf dem sich seit Jahrzehnten horrende Schulden häufen) angreifen könnten und mir die Grundsicherung entziehen. Sie wurde nicht müde, immer wieder zu wiederholen dass das Amt mächtig wäre und die es dort so auslegen würden, dass ich vom Erbe gewusst haben muss, es aber nie auf den Papieren angegeben habe. Und dann soll Frau T., die Freundin und ehemalige Nachbarin erklärt haben, dass die Grundstücksschulden verjährt sind, das Grundstück also angeblich inzwischen Schuldenfrei sein soll. Etwas, was ich nicht glauben kann, aber ja, sie kennt sich damit angeblich aus.

Das Telefonat mit meiner Mutter dauerte eine Stunde und 45 Minuten, in denen sie mir schließlich zu erklären versuchte dass meine Familie von Vaters Seite alles Verbrecher wären, die es jetzt alle (also die verbliebenen zwei, mein Onkel und meine Tante) nur auf das Grundstück abgesehen haben. Gut, kann ich so stehen lassen. Die beiden Bauern zwischen denen mein Vater mit seinem Grundstück liegt, hatten schon vor Jahren ein Auge auf sein Grundstück geworfen und der Sohn von einem der beiden soll auch auf meinen Vater geschossen haben. Na ja. Ist mir ehrlich gesagt egal. Ich soll nichts unterschreiben, egal was mir mein Onkel oder Tante vorlegt und genau das mache ich auch. Ich will nichts davon wissen. Immerhin bin ich nicht der Einzige. Es gibt noch meine Halbgeschwister, die auch ein „Anrecht“ auf das Erbe haben. Und sollte ich richtig liegen und die finanziellen Schulden noch immer existieren, wird auch die Stadt, bei der die Schulden eingetragen sind, ein großes Interesse am Grundstück haben.

Mein Interesse gilt meinem Vater. Ich will am 5. November von ihm Abschied nehmen, wenn er anonym auf dem Friedhof im Nachbardorf beerdigt wird. Das ist alles was mich interessiert. …